Die "Modernität" des NS-Staates

Rund 60 Jahre nach Kriegsende hält sich nach wie vor der Glaube, das "Dritte Reich" sei ein in vielen Bereichen "moderner" Staat gewesen, weltweit führend in der technischen Entwicklung und im Ingenieurswesen, fortschrittlich auch im gesellschaftlichen und (sozial-)wissenschaftlichen Sinne. Exemplarisch werden oftmals die Reichsautobahnen oder die "Überwindung" von Klassengegensätzen genannt. Unbestritten ist, dass sich im "Dritten Reich" Modernisierungspotenziale, die bereits in der Zeit der Weimarer Republik angelegt wurden, entfalteten – besonders im Bereich industrieller Rationalisierung. Ferner war es charakteristisch für das "Dritte Reich", dass unter Hitlers persönlichem Einfluss bevorzugt in den Automobilsektor und Autobahnbau investiert wurde: Die Vernachlässigung des Schienenverkehrs wirkte sich allerdings im Zweiten Weltkrieg negativ aus.

In Propaganda und NS-Selbstdarstellungen wurde prinzipiell suggeriert, dass alle sozialen und technischen Neuerungen originär nationalsozialistisch seien. Im Gegensatz zu dieser "modernen Haltung" gab es indessen schon vor der NS-Machtübernahme Stimmen in der NSDAP, die beispielsweise einer Modernisierung des Agrarsektors kritisch gegenüberstanden und die "Bindung an die Scholle" propagierten, da sie technische Rationalisierung, speziell

den vermehrten Einsatz von Maschinen, für die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich machten. Auch die deutsche Großindustrie sollte zugunsten einer mittelständischen "Handwerkswirtschaft" umgestaltet werden, um die Arbeitslosenzahlen zu senken. Diese Strategien verloren an Bedeutung, je intensiver Kriegsvorbereitungen betrieben wurden; ab 1935/36 galten derartige Positionen als technikfeindlich und rückwärts gewandt, ihre Exponenten als Technikverweigerer. Die NS-Rassenideologie trug aber auch auf andere Weise dazu bei, technische oder gesellschaftliche Prozesse zu verlangsamen – insbesondere die Entfernung von Ingenieuren und Wissenschaftlern "nicht arischer" Herkunft aus dem deutschen Technik- und Wissenschaftsleben ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Die Weiterentwicklung von Theorien jüdischer Wissenschaftler war verpönt und konnte schwere Konsequenzen nach sich ziehen.